MUSIKPAVILLON AUF DER BUNDESGARTENSCHAU 1955 IN KASSEL

ENTWURF: FREI OTTO, 1955
AUSFÜHRUNG: 1955

Für die Bundesgartenschau 1955 in Kassel realisiert Frei Otto drei kleine Projekte: den Musikpavillon, die "Pilze" und den "Falter". Auftraggeber ist Hermann Mattern, Gesamtplaner der Gartenschau, der durch Entwürfe für ein Freilichttheater in Stuttgart auf Frei Otto aufmerksam geworden war. Planung und Ausführung der Membranbauten, die Frei Otto mit dem Zeltbauer Peter Stromeyer realisiert, dauern nur sechs Wochen. Das Dach des Musikpavillons, für einen Sommer vor der Kasseler Orangerie errichtet, ist Frei Ottos erstes ausgeführtes Vierpunktsegel, ein Zelt mit zwei Hoch- und zwei Tiefpunkten sowie einer über Randseile vorgespannten Membran. Bereits in seiner Dissertation vertritt Frei Otto die Überzeugung, dass bei solchen Leichtbauten die Haut in jedem Fall gespannt und gegensinnig - also sattelförmig - gekrümmt sein sollte, wofür sie einen entsprechenden Zuschnitt benötigt. Die Membran des Pavillons besteht aus Baumwollschwergewebe und ist 18 m weit gespannt, weit mehr, als bis dahin im Zeltbau üblich. Die Tuchbahnen verlaufen diagonal zu den Rändern. Zwei abgespannte Masten aus Kiefernholz fixieren die hohen, zwei Zuganker die tiefen Punkte. 16 mm dicke Stahlseile, die in die Ränder der Dachhaut eingenäht sind, erzeugen die erforderliche Vorspannung und übertragen die Membrankräfte in die Verankerungen.

 

 

 

DREI PILZE AUF DER BUNDESGARTENSCHAU 1955 IN KASSEL

ENTWURF: FREI OTTO, 1955
AUSFÜHRUNG: 1955

Die erste Ausführung einer so genannten Kissenkonstruktion, eine hohlkörperbildende Doppelmembran, repräsentierten die „Drei Pilze“ auf der Bundesgartenschau 1955 in Kassel. Sie markierten weithin sichtbar einen Sitzplatz unter hohen Bäumen und leuchteten bei Nacht gleichmäßig.
Die Konstruktion beruht auf Frei Ottos Studienprojekt „Leuchtende Scheibe“ von 1953/54, bei dem zwei Membranen zwischen zwei kreisrunde dünne Rahmen gespannt und gegenseitig in der Mitte aufgespreizt werden. In Kassel besteht die Konstruktion aus Holzringen von je 6,5 m Durchmesser, die beidseitig mit radial zugeschnittenen Membranen aus weißem Baumwollgewebe bespannt sind. Am Rand des Holzrings befindet sich eine Aluminiumrinne, die das Regenwasser sammelt und in Schläuchen durch den Hohlraum in die Rohrmasten ableitet. Die Doppelmembran wurde vor Ort auf eingespannte Stahlrohrmaste aufgesetzt, gespreizt und dadurch in die endgültige räumliche Form gebracht. Seitlich sicherten und verankerten sternförmige Flügel die Stahlrohrmasten vor Sturm. Um diesen Entwurf zu realisieren, führte die Firma L. Stromeyer & Co. in Konstanz Versuche durch und entwickelte einen Prototyp. Wie auch die anderen beiden temporären Bauten der Bundesgartenschau, der Musikpavillon und der Falter , zeugten die Pilze von Schönheit und Eleganz.

 

 

 
 

FALTER AUF DER BUNDESGARTENSCHAU 1955 IN KASSEL

ENTWURF: FREI OTTO, 1955
AUSFÜHRUNG: 1955

Das dritte Projekt für die Bundesgartenschau 1955 in Kassel war der so genannte „Falter“, den Frei Otto ebenfalls mit Peter Stromeyer entwickelte: Frei Ottos erstes wellenförmiges Zeltdach, das den Aussichtspunkt an einer Wegkreuzung überspannte. Die Form des Zeltes besteht aus zwei flügelartigen Halbwellen, die sich zum Tal öffnen. Zwischen zwei schräg gestellten Stützmasten verlaufen Tragseile, deren Spannweite 17m beträgt. An dem für das Wellenzelt gewählten Hang musste das Bauwerk auch hohen Windgeschwindigkeiten standhalten können. Mithilfe von Modellen im Maßstab 1:25 entwickelte Frei Otto die Form; ein Netz mit Stäben, feinen Ketten und Gummi half den Kräfteverlauf zu simulieren. Die Schnitte für die verwendeten Stoffbahnen wurden durch Abmessen ermittelt. Da diese Vorgehensweise erfolgreich und praktikabel war, wandte Frei Otto sie später immer wieder an. Mit seinen Kasseler Bauten erregte Frei Otto zum ersten Mal großes Aufsehen und machte die Fachwelt auf sich aufmerksam. Vor allem die Zurückhaltung, die Leichtigkeit und die Einbindung seiner Bauten in die Natur fanden weltweit Anerkennung. Am Ende der Bundesgartenschau wurden die Zelte wieder demontiert.